Die Reise der inneren Aufrichtung
- ymoerwald
- vor 2 Tagen
- 12 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 11 Stunden
Von äußerer Sicherheit zu innerer Zugehörigkeit
Ich habe früh gelernt, dass meine Art zu fühlen, ganz besonders meine Art, Gefühle auszudrücken – nicht sicher ist.

Als Kind bin ich im Friseursalon meiner Eltern mit dem Kopf gegen die Ladentheke gerannt, wenn ich wütend war. Ich war lange ein Rebell, bis ich irgendwann die Überzeugung verinnerlicht habe:
so, wie ich bin, darf ich nicht sein.
Besonders dann, wenn ich wütend bin.
Mein Leben war eine permanente Diskussion über meine Daseinsberechtigung. Jedes Feedback anderer sollte die ultimative Frage beantworten:
Bin ich ok, so wie ich bin?
Darf ich dazugehören?

Man konnte mir leicht den Mund verbieten, zum Beispiel mit dem Satz:
Jetzt sei doch nicht so emotional!
Zack war ich so klein mit Hut und hab die Schnauze gehalten. Während ich innerlich fast geplatzt wäre.
Ich wollte immer weiter sein, entwickelter, besser. Anders - richtiger! Ein Teil von mir war immer in diesem Zukunfts-Ich, das endlich für sich und das, was mir lieb ist, einstehen kann. Ein anderer Teil hat mir aber aus Scham verboten zu leben! Präsent zu sein, mitzureden, für mich einzustehen.
Ich hab sooo oft meine Worte runtergeschluckt. So oft nicht ausgesprochen, was mir am Herzen lag. Immer aus dem Gefühl von: ich bin noch nicht so weit, um hier mitzureden. Ich muss mich erst noch entwickeln. Ich muss erst reifer werden.
Solange ich so emotional bin, sage ich lieber nichts.
Und lass mich halt kleinmachen, runterbuttern, bevormunden oder übergehen.
Morgen, ja morgen mach ich alles anders.
Doch: was, wenn dieser Morgen niemals kommt??
Ich hab im letzten Jahr begonnen, etwas radikal neu zu machen in meinem Leben. Ich hab mein Zepter in die Hand genommen und begonnen, mich selbst dabei zu halten so zu sein, wie ich jetzt bin. Dabei ist etwas geschehen, was für mein Leben der größte Segen ist: In mir ist eine Aufrichtung geschehen. Eine Begradigung. Ich stehe auf einmal für mich ein.
Falls Du Dich heute noch verbiegst, übermäßig anpasst und kleinmachen lässt, weil Du Dich so sehr nach Verbundenheit sehnst, dass Du bereit bist, sie um jeden Preis zu erkaufen, ist dieser Artikel für Dich. Ich will Dich einladen, Dein Rückgrat wiederzufinden.
Den Weg von A nach B zu A zu gehen. Du brauchst nicht darauf warten, dass Du eines Tages so weit bist, dass Du moralisch korrekt, gelassen und liebevoll für Dich einstehen kannst. Du darfst bei Dir hier und jetzt heute ankommen und Dich bei dem, was Du erlebst, halten.
Dies wird ein Artikel mit 3 Teilen. Bitte gib Dir Zeit für diese Reise. Je langsamer Du vorwärts gehst, desto schneller geht Deine innere Aufrichtung.
Bereit? Los geht’s!
Sehen wir uns die Angst an so, wie Du bist, nicht sein zu dürfen.
Wenn Du Dir selbst nicht mehr glaubst
Als ich begonnen habe, mich mit dem Zepter in der Hand mutig zu erforschen, meinen Schatten zu begegnen und in meine Tiefe hinabzusteigen, lagen dort zwei Glaubenssätze, die mein Leben lange bestimmt haben:
1. Wenn ich bin, wie ich bin, schade ich anderen.
2. Egal was ich mache – es bringt nichts.

Tief in mir war immer klar: ich brauche die Masken der Anpassung nicht nur, um dazuzugehören – sondern weil es gefährlich ist ich zu sein. So, wie ich bin. Ich hab mich soooo sehr angestrengt, mich nicht so zu verhalten, dass ich anderen schade. Aber egal wie sehr ich mich bemüht habe – es war nie genug.
Diese Sätze haben mein Leben wahnsinnig anstrengend gemacht. Ich hab mich immer mehr von mir entfernt. Bin im Hamsterrad gerannt. Hab Masken getragen, mich zur Darstellerin gemacht. Ich hab mich verbogen, angepasst und ständig überlegt, wie ich jetzt wohl sein muss, damit ich keinem schade und dazugehören darf.
Dabei gab es immer auch meine ausgeprägte Sonnenseite. Ich habe wirklich ALLES dafür getan, dass möglichst nur sie sichtbar wird. Solange alles Friede, Freude, Eierkuchen war, hat das sogar ganz gut funktioniert. Doch sobald der Hauch eines Konflikts auftauchte, war mein ganzes System in Alarmbereitschaft.
Ich wusste:
Die Wut, die ich gerade fühle, ist nicht salonfähig.
So darf ich nicht sein.
Ich muss sie unterdrücken.
Ich muss die Verbindung halten – um jeden Preis.
Das hat dermaßen viel Drama erzeugt in meinem Leben! Aus einer Mücke wurde ein Elefant. Aus einer kleinen Irritation ein innerer Ausnahmezustand. Weil mein Nervensystem überzeugt war, dass meine Zugehörigkeit auf dem Spiel steht.
Ich habe es gehasst, so zu fühlen, wie ich fühle.
Ich habe andere Menschen angeschaut und gedacht:
Warum wirkt das bei denen alles so leicht?
Warum schaffen die das einfach?
Warum ist mein Inneres so laut?
Es war oft unendlich anstrengend, ich zu sein. So zu fühlen, wie ich fühle. Das Leben auf meine Art zu erleben.

Meinem eigenen Spüren konnte ich nicht vertrauen. Also habe ich stattdessen mein Spiegelbild im Gegenüber gepflegt. Ich habe ständig geschaut, wie ich auf andere wirke. Ob ich noch okay bin. Ob ich zu viel bin. Ob ich mich entschuldigen muss. Ob ich mich kleiner machen sollte.
Über allem hing dieselbe Frage wie ein Damoklesschwert:
Bin ich okay, so wie ich bin?
Darf ich dazugehören?
Wenn ich dem anderen mehr glaube als mir
Ich habe festgestellt: solange ich die Endlosdiskussion über meine Daseinsberechtigung führe, glaube ich anderen mehr als mir. Dann wiegt ihr Wort mehr – egal, ob ich das gerade objektiv so für richtig halte.
Solange ich glaube, dass ich mich für Zugehörigkeit selbst verraten muss, gerate ich in Situationen, wo ich mich wegducke, klein mache, nicht für mich oder meine Lieben einstehe. Nicht gerade stehe für das, was mir wirklich am Herzen liegt.
Ich habe meinen Gefühlen lange nicht vertraut – ich war sogar der Meinung: meine Gefühle stinken! Ich hab es so sehr verabscheut, diese Welt und dieses Leben so innig zu fühlen.
Wenn ich das, was ich fühle, verbanne – öffne ich meinem Gegenüber Tür und Tor auf mich draufzutrampeln. Mich abzuwerten, klein zu machen. Mir ein Mitspracherecht zu verweigern.
Hat zu mir jemand im Gespräch gesagt: jetzt werd halt nicht gleich so emotional – konntest Du mich in der Pfeife rauchen. Da war sie wieder, die altbekannte Stimme: Siehst Du? Du bist das Problem. Ich hab geschluckt, verdrängt, mich verbogen.
Meine Würde?
Die lag bei meinem Märchenschloss in der Zukunft. Wenn ich endlich mal richtig bin. Dann darf ich was sagen. Dann darf ich meine Grenze setzen. Aber dafür muss ich das hier endlich mal auf die Kette kriegen, hier erstmal dazuzugehören. Mir meinen Platz in der Gemeinschaft sichern.
Unser Gehirn ist auf Zugehörigkeit programmiert.
Das Bedürfnis dazuzugehören ist keine persönliche Präferenz – es ist unsere Biologie. Unser Urbedürfnis. Die zentrale Triebkraft unseres Körpers. Ausschluss hat lange unseren sicheren Tod markiert – es ist in uns angelegt sehr viel dafür zu tun, dazuzugehören.

Das Problem ist nur: wenn wir denken, dass es nicht sicher ist, wir selbst zu sein, dann fangen wir an Masken zu tragen. Wir werden zu Darstellern, tragen Masken von moralisch korrektem Verhalten. Wir sind Sklaven des erhobenen Zeigefingers.
Unser Handeln wird so stark eingeschränkt von: „So darf man sein, so nicht“, dass wir handlungsunfähig werden. Aus Angst, etwas falsch zu machen, handeln wir gar nicht mehr. Sicherheit geht vor.
Unser Nervensystem bevorzugt Sicherheit vor Wahrheit. Wenn mein Nervensystem glaubt, dass Zugehörigkeit wichtiger ist als meine Wahrheit, beginne ich irgendwann, gegen mich selbst zu argumentieren.
Deshalb passen wir uns oft an, bevor wir widersprechen. Nicht weil wir das nicht gebacken kriegen, zu schwach oder zu blöd sind dafür. Sondern weil unser Körper versucht, uns zu schützen.
Findest Du mich gut? Darf ich dazugehören?
Ich hab lange in Beziehungen gewurzelt. Mein „Ich bin ok, ich darf dazugehören“ war vollständig abhängig von meinem Gegenüber. Fanden Menschen mich gut, so wie ich bin, war alles ok. Wenn mich jemand nicht gemocht hat, hat mein Fundament gewackelt. Ja, sogar wenn das jemand war, den ich gar nicht so cool fand.
Wenn jemand mich nicht ok fand, war Alarm in meinem Nervensystem. Ich wusste ja, dass ich meiner Wahrnehmung nicht vertrauen kann. Also hab ich mich kleingemacht. Hab mir Schuld in die Schuhe schieben lassen, die absolut nicht mein Keks war. Ich hab mich abwerten lassen.
Das Schlimmste war: dafür hab ich gar nicht immer ein Gegenüber gebraucht. Es hat oftmals ausgereicht, mir vorzustellen, was andere jetzt denken könnten – um mich außer Gefecht zu setzen.
Dabei habe ich Menschen manchmal den Raum gegeben, um wirklich fies zu sein. Manchmal wurde ich behandelt, als wär ich nix wert.
In der Akasha Chronik haben mir meine Meister und Lehrer einmal gesagt:
Beim Grenzen setzen geht es weniger darum, an der Reviergrenze zu kämpfen – sondern im eigenen Raum präsent zu sein.
Weniger erhobener Zeigefinger, mehr ausgestreckter Mittelfinger

Ich habe die Erfahrung gemacht: wir brauchen auf der Reise zur inneren Aufrichtung gar nicht so viel Moral, gar nicht so viel den erhobenen Zeigefinger – sondern eher den ausgestreckten Mittelfinger!!
Wir brauchen keine Moralvorstellungen davon, wer wie sein darf, oder nicht. Wir dürfen erkennen, dass sehr viele Übergriffe dadurch passieren, dass wir uns selbst nicht vertrauen. Dass wir unserem Fühlen, unserem Erleben und unserem Spüren nicht vertrauen.
Dass wir unserem Gegenüber mehr Macht darüber geben, das Urteil zu fällen, wer wir sind, als uns selbst. Darum kommen wir, wenn wir uns innerlich aufrichten wollen, nicht drumrum, unserem inneren Erleben zu begegnen. Uns zu erlauben zu fühlen, was wir fühlen. Ohne dafür eine externe Verifikation zu benötigen.
Das Bedürfnis nach Zugehörigkeit ist vollkommen natürlich, gesund und entspricht absolut der Grundanforderung an eine menschliche Gemeinschaft. Es ist überhaupt nichts falsch daran, dass Du Dich danach sehnst, Teil einer Gemeinschaft zu sein, dazuzugehören.
Du darfst aber erkennen, wann Du Deine innere Wahrheit beugst.
Wann Du Dein echtes, lebendiges Sein eintauschst gegen eine Maske, mit der Du Dir Zugehörigkeit sichern willst.
Wir gehen hier bei unserer gemeinsamen Reise von A nach B zu Punkt A: Also zu Dir hier und jetzt heute. So, wie Du jetzt fühlst. Mit all den Emotionen, von denen Du glaubst, sie sind nicht salonfähig. Für die Du Dir den Mund verbieten lässt.
Wo Du Dich immer wieder dafür entscheidest, lieber dazuzugehören, als Du zu sein.
Hast Du Lust, jetzt wirklich DEIN LEBEN zu leben? Willst Du damit aufhören, Dich für Zugehörigkeit zu verheizen?
Damit das gelingt, brauchen wir eine starke Verbündete an unserer Seite: Unsere Wut.
Meine Empörung bleibt
In der Akasha Chronik haben meine Geistführer gesagt, dass ich meine Wut als starken Wachhund an meiner Seite integrieren darf. Ich habe tatsächlich Jahre gebraucht, um das wirklich zu verkörpern. Neulich hatte ich dazu ein Schlüsselerlebnis.
Ich war in einem schwierigen Gespräch, weil für mich inakzeptable Grenzüberschreitungen im Raum standen.
Ich war empört!
Direkt als ich begonnen habe, zu sprechen, hat mein Gegenüber mich unterbrochen, mit:
„Wir sind doch Erwachsene Leute, da müssen wir doch nicht so emotional miteinander sprechen! Dafür ist mir meine Zeit zu schade.“
Ich hab daraufhin den geilsten Satz meines Lebens rausgehauen:
„Meine Empörung bleibt so lange im Raum, bis meine Grenze gewahrt ist!“

Meine Hände haben gezittert, als ich das ausgesprochen hab. Mein Körper war voller Adrenalin. Und ja, ich hab gespürt, wie er mit dem Satz ein Knöpfchen gedrückt hat. Ich hab das akzeptiert. Ich hab mir erlaubt all das zu fühlen und bin nicht eingeknickt! Ich hab mich nicht klein gemacht.
Mein Gegenüber war nicht begeistert, wurde aber still.
Ich war präsent mit mir und dem, was ich fühle. Vollkommen klar in dem, was hier und jetzt als Grenze anerkannt und gewahrt werden muss, wenn wir in Zukunft gemeinsame Wege beschreiten wollen.
Es hat keine 5 Minuten gebraucht und ich war vollkommen ruhig in dem Gespräch. Interessanterweise hat mein Gegenüber noch zweimal versucht, den Joker mit „red doch nicht so emotional“ zu spielen. Lustigerweise zu einem Zeitpunkt, wo ich völlig ruhig und klar war. Aha.
Mein innerer Mittelfinger war so hoch ausgestreckt, wie mein Rückgrat. Ich hab da mit meinem inneren Fuck-Off-Shield gehandelt. Ich hab gewisse Bemerkungen abprallen lassen.
Ja, solange meine Grenze hier dermaßen überschritten wird, kriegst Du hier nicht meine Sonnenseite.
Dieses Gespräch hat sich sogar positiv entwickelt, wir konnten am Ende nett miteinander sprechen. Aber das ist gar nicht entscheidend. Ich glaube sogar, dass es für Dich, wenn Du so weit in diesem Artikel gelesen hast, total wichtig ist, dass Du nicht versuchst, ein Gespräch zu führen, dass zwingend total super werden muss.

Wenn Du nämlich zu lange einen guten Ausgang Deiner inneren Grenze vorgezogen hast, tust Du Dir absolut keinen Gefallen, wenn Du Dir nur Handeln erlaubst, wenn alle am Ende glücklich sind.
Manchmal herrscht Harmonie nicht, weil sie um jeden Preis erzwungen wird. Sondern weil klare Grenzen gezogen werden, die Räume halten, in denen Harmonie sich natürlich ausdehnen kann – aber nicht muss.
Dieses Gespräch war für mich eine unglaublich kraftvolle Erfahrung. Mein Nervensystem hat gelernt, dass es sicher ist, zu fühlen, was ich fühle und dafür einzustehen. Obwohl ich daran schon viele Jahre gearbeitet habe, hat sich das lange Zeit so unsicher angefühlt, dass es für mich unmöglich schien, Stopp zu sagen.
Weg mit dem erhobenen Zeigefinger
Warum fällt es uns manchmal so schwer, Stopp zu sagen?
Warum fühlen wir Empathen uns so schuldig, wenn wir für uns einstehen?
Ich glaube, wir Empathen reisen oft mit einem moralischen Zeigefinger durchs Leben. Nicht, weil wir den so toll finden. Sondern weil er so oft gegen uns eingesetzt wurde, dass unser Nervensystem ihn irgendwann übernommen hat.
Wir stellen uns permanent Fragen wie:
· Darf ich?
· Bin ich zu viel?
· War das richtig?
· Bin ich liebenswert genug?
· Bin ich noch ein guter Mensch?
Ich bin ein reflektierter Mensch mit einer deutlichen Tendenz zur Überreflexion. Grundsätzlich bin ich sehr interessiert daran, mich an Deinem Feedback weiterzuentwickeln. Wenn Du mir sagst, dass Du Dir etwas anders wünschst, höre ich zu. Ich gehe gerne auf Deine Befindlichkeit ein.
Aber irgendwann kommt ein Punkt, da ist Schluss.
Da sagt der Schwabe in mir: „Rutsch mir den Buckel runter.“
Oder wie der Österreicher sagen würde: „Schleich Dich. Geh scheißen.“
Da ist der Spaß vorbei und ich mach das nimmer mit. Da ist mir dann auch egal, was der Moralapostel in mir sagt. Der, der mir die ganze Zeit erzählt, wie ich sein darf. Wie ich nicht sein darf. Warum ich jetzt besser nichts sage. Warum ich lieber still bin. Warum meine Wut nicht okay ist. Warum mein Nein zu viel sein könnte.
Das Problem war aber: wenn ich den einfach über Bord geworfen hab, den Moralapostel und meine Wut das Zepter gegeben hab, um ungebremst zu handeln, hab ich mich oft in Situationen wiedergefunden, die auch nicht ideal waren. Ich war dann wieder die Dumme.

Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich mir etwas bauen musste, das stärker ist als dieser innere Richter. Heute nenne ich es mein Fuck-Off-Shield.
Nicht, weil mir andere Menschen egal geworden sind. Sondern weil ich aufgehört habe, jedem Urteil ungeprüft Einlass zu gewähren. Es gibt einen Punkt, an dem ich sage:
Du prallst hier an meiner Empörung ab.
Bis hierher. Und keinen Millimeter weiter.
Das bedeutet nicht, dass ich nicht mehr bereit bin, mich zu hinterfragen.
Es bedeutet nur, dass ich aufgehört habe, meine Würde zur Verhandlung freizugeben.
Ich glaube, das ist ein entscheidender Unterschied.
Ich kann erst dann wirklich für meinen Raum einstehen, wenn er unabhängig von anderen wird. Solange Feedback von Außen wichtiger ist als meine Wahrnehmung, kann ich diesen Schritt nicht gehen. Solange der erhobene Zeigefinger über meine Daseinsberechtigung urteilt, werde ich mich immer wieder klein machen.

Deshalb darf mein Moralapostel jetzt Urlaub machen. Er hat wirklich hart gearbeitet, jetzt darf er sich ausruhen.
Und ich nehme jetzt mein Zepter wieder selbst in die Hand.
Heißt das, dass er sich seitdem nie wieder meldet?
Nein! Aber ich erkenne ihn inzwischen gut genug, um ihm nicht mehr mein Zepter zu übergeben.
Inzwischen habe ich meine Wut neu kennengelernt. Nicht mehr als etwas, das mich überrollt. Sondern als etwas, das mich schützt. Sie zeigt mir, wo meine Grenze verläuft.
Sie erinnert mich daran, dass meine Würde nicht irgendwann in der Zukunft auf mich wartet, wenn ich endlich richtig bin. Sondern dass sie genau hier beginnt.
Mit dem Mut, meinem Erleben zu glauben.
Mit dem Mut, meinen Raum zu halten.
Mit dem Mut, stehen zu bleiben - aufrecht.
Empörung – geführte Wut als Raumhalter
Ich habe Wut lange missverstanden. Ich dachte, Wut sei laut, unkontrolliert, gefährlich. Etwas, das andere verletzt.
Heute glaube ich, dass das, was wir landläufig Wut nennen, oft gar keine Wut ist. Es ist die Folge von Wut, die viel zu lange eingesperrt war. Ein Wolf, den man jahrelang in einen Käfig gesperrt hat und der irgendwann alles zerreißt, sobald die Tür aufgeht.
Vor dieser Wut in mir hatte ich Angst. Und ehrlich gesagt: zu Recht! Wenn Du jahrelang geschluckt hast, ist mit Dir nicht mehr gut Kirschen essen. Dann ist die Reaktion oftmals drüber. Leider sammeln wir dann genau die Erfahrung, die uns wieder glauben lässt: Wenn ich meine Wut lebe, bin ich falsch.
Zwischen unterdrückter und platzender Wut gibt es einen Mittelweg: ich nennen ihn Empörung.
Empörung fühlt sich für mich völlig anders an als Wut. Sie ist nicht blind, eskalierend. Sie will niemanden zerstören. Sie übernimmt nicht die Kontrolle. Im Gegenteil, sie bringt mich zurück in meine Mitte, richtet mich auf.
Empörung ist für mich geführte Wut.
Der Wachhund an meiner Seite. Er schläft nicht wenn es drauf ankommt. Er greift auch nicht grundlos an. Aber wenn jemand meine Grenze überschreitet, steht er auf und zeigt sich. Und wenn es sein muss, zeigt er auch seine Zähne.
Nicht aus Hass. Sondern um mein Revier sicher zu halten.
Früher habe ich eine heftige innere Reaktion gebraucht, um mir zu erlauben, eine Grenze zu ziehen. Seit ich meine Wut erlaube, kommt es zu vielen Situationen gar nicht mehr, weil ich früh genug spüre, dass da etwas passiert, was für mich nicht stimmig ist.
Vielleicht denkst Du gerade:
"So weit bin ich noch lange nicht."
Das habe ich auch gedacht. Ich war überzeugt, ich müsse erst lernen, meine Wut perfekt zu führen, bevor ich für mich einstehen darf. Heute glaube ich das Gegenteil. Du lernst das nicht, bevor Du losgehst. Du lernst es im Gehen.

Du kannst jahrelang Persönlichkeitsentwicklung im stillen Kämmerlein machen. Ein aufrechtes Rückgrat bekommst Du da nicht.
Es entsteht in den Momenten, in denen Du zitternd für Dich einstehst. In denen Du vielleicht keine perfekten Worte findest.
In denen Du später denkst:
"Das hätte ich eleganter sagen können."
Und trotzdem bei Dir geblieben bist. Jedes Mal, wenn Du diese Erfahrung machst, lernt Dein Nervensystem etwas Neues:

Ich kann für mich einstehen.
Ich darf fühlen, was ich fühle.
Ich falle deshalb nicht aus der Welt.
Genau so wächst Aufrichtung. Nicht in einem einzigen großen Moment. Sondern Babyschritt für Babyschritt. Bis Dein Wachhund irgendwann gar nicht mehr laut bellen muss. Manchmal reicht dann ein Blick. Ein klares Nein. Oder einfach Deine Präsenz.
Nicht weil Du stärker geworden bist als andere. Sondern weil Du aufgehört hast, Dich selbst zu verlassen.
Wenn Du jetzt neugierig bist, warum Menschen andere klein machen, warum Narzissmus so viel mit Sicherheit zu tun hat und weshalb ich glaube, dass auch dort noch eine tiefere Wahrheit verborgen liegt, dann lies gerne weiter.
Aber tu Dir einen Gefallen:
Benutze den zweiten Artikel nicht, um den ersten zu überspringen.
Da neigen wir Empathen manchmal dazu. Bevor wir für uns einzustehen lieber erstmal Verständnis für unser Gegenüber aufzubringen. Es beginnt mit Deiner Aufrichtung. Dann kannst Du Dir anschauen, was da eigentlich in dem Gegenüber los ist, das sich gerne über Dich stellt. Das will, dass Du Dich klein machst und wegduckst.





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